
Wir öffnen ein Abzweiggehäuse in einer Wohnung aus den 60er Jahren und stoßen auf drei schwarze Drähte, einen roten und einen grauen. Keine Spur von grün-gelb, kein Blau. Vor 1970 folgte der Farbcode für elektrische Leiter in Frankreich nicht denselben Regeln wie heute, und die Kombinationen variierten von Elektriker zu Elektriker. Das Verständnis des alten Farbencodes für elektrische Drähte bleibt ein unverzichtbarer Schritt vor jeder Intervention an einem alten Stromkreis.
Identifizierung einer Verkabelung vor 1970 ohne die Wände zu öffnen
Vor Ort ist der erste Hinweis nicht die Farbe, sondern die Textur. Die Ummantelungen aus bituminösem Baumwollstoff, gehärtetem Gummi oder Blei weisen sofort auf eine Installation vor den 70er Jahren hin. Das flexible und glänzende PVC, das wir heute kennen, existierte in dieser Form noch nicht.
Wenn man leicht am Isoliermaterial zieht und es bröckelt oder reißt, hat man es mit alter natürlicher Gummi zu tun. Dieses Material verliert mit der Zeit seine isolierenden Eigenschaften, was ein echtes Risiko für Kurzschlüsse darstellt.
Das Fehlen eines grün-gelben Drahtes in einem Gehäuse ist ein weiteres starkes Signal. Vor der Verbreitung der Norm NF C 15-100 wurde der Schutzleiter nicht systematisch in Wohnungen verlegt. Regelmäßig findet man Steckdosen ohne Schutzleiter, insbesondere in Haussmann-Gebäuden und Einfamilienhäusern, die zwischen 1945 und 1970 gebaut wurden.
Um den alten Farbcode der elektrischen Drähte besser zu verstehen, sollte man im Hinterkopf behalten, dass die aktuelle Codierung (blau für den Neutralleiter, grün-gelb für die Erde) erst ab 1970 verbindlich wurde.

Alter Farbcode der elektrischen Drähte: konkrete Entsprechungen
Vor 1970 konnte die Phase rot, schwarz, braun oder sogar grau sein. Der Neutralleiter war oft schwarz oder grau, manchmal hellblau. Die Erde, wenn sie vorhanden war, war grau, rot oder einfach ein unisolierter Draht.
Das Problem liegt auf der Hand: ein schwarzer Draht konnte je nach Installation der Neutralleiter oder die Phase sein. Aus diesem Grund kann man sich in einer alten Wohnung niemals nur auf die Farbe verlassen.
Typische Entsprechungen vor und nach 1970
| Funktion | Farben vor 1970 | Aktuelle Farbe (Norm NF C 15-100) |
|---|---|---|
| Phase | Rot, schwarz, braun, grau | Rot, braun, schwarz (jede Farbe außer blau und grün-gelb) |
| Neutralleiter | Schwarz, grau, hellblau | Blau |
| Erde | Grau, rot, unisolierter Draht (oder nicht vorhanden) | Grün-gelb |
Diese Tabelle gibt eine Tendenz, keine Gewissheit. Die Rückmeldungen variieren zu diesem Punkt, da einige Elektriker der damaligen Zeit ihre eigenen lokalen Konventionen verwendeten. Nur ein Test mit einem Multimeter kann die Funktion jedes Leiters bestätigen.
Testen eines alten Drahtes mit dem Multimeter: praktische Methode
Man stellt das Multimeter auf Wechselspannung, Bereich 250 V oder höher. Man platziert eine Spitze auf den zu identifizierenden Draht und die andere auf die bekannte Erde (z. B. metallische Rohrleitungen, die mit dem Boden verbunden sind).
- Wenn das Gerät eine Spannung nahe 230 V anzeigt, ist der getestete Draht die Phase.
- Wenn die Spannung null oder sehr niedrig (einige Volt) ist, handelt es sich um den Neutralleiter.
- Wenn keine Spannung zwischen dem Draht und einem identifizierten Phasenleiter erscheint, handelt es sich wahrscheinlich um den Erdleiter.
Bevor man irgendetwas anfasst, schaltet man die Stromversorgung am Hauptschalter ab und überprüft die Spannungsfreiheit mit einem VAT (Spannungsprüfer). Man sollte sich niemals auf die Position eines Schalters in einer alten Installation verlassen, da die Schaltungen unerwartet gekreuzt oder doppelt sein können.

Teilweise oder vollständige Renovierung: was die Norm 2025 vorschreibt
Die Norm NF C 15-100 wurde im August 2024 grundlegend umstrukturiert und durch eine Reihe von 21 Texten (NF C 15-100-X) ersetzt, die jeweils einen bestimmten Umfang abdecken. Seit dem 1. September 2025 ist diese neue Reihe die einzige Referenz für Neuinstallationen und umfassende Renovierungen.
Ein oft missverstandener Punkt: die alte Verkabelung ist nicht rückwirkend illegal. Man kann Teile alter Stromkreise beibehalten, wenn ihr Zustand es zulässt. Sobald jedoch eine vollständige Renovierung in Angriff genommen wird, müssen alle Leiter den aktuellen Kennzeichnungen entsprechen.
Koexistenz alter und neuer Verkabelung
In der Praxis findet man oft einen neuen Schaltschrank, der teilweise alte Stromkreise speist. Das Hauptproblem ist die Verwirrung zwischen einem schwarzen Draht als „alter Neutralleiter“ und einem schwarzen Draht als „neue Phase“.
- Jeden alten Leiter mit einem standardisierten Farbklebeband kennzeichnen (blau für den identifizierten Neutralleiter, grün-gelb für die Erde).
- Die Kennzeichnung in einem Schema dokumentieren, das im Schaltschrank angebracht ist.
- Vorrangig die Abschnitte ersetzen, deren Isolierung beschädigt ist (rissiger Gummi, ausgefranster Baumwollstoff).
- Das gesamte System von einem elektrischen Gutachter überprüfen lassen, wenn die Wohnung zum Verkauf oder zur Vermietung bestimmt ist.
Die elektrische Diagnose ist für jede Wohnung über 15 Jahre erforderlich, die zum Verkauf oder zur Vermietung angeboten wird. Diese Kontrolle identifiziert Anomalien im Zusammenhang mit der alten Verkabelung und bietet eine klare Grundlage zur Priorisierung der Arbeiten.
Angesichts eines Gehäuses voller grauer und schwarzer Drähte ohne Kennzeichnung ist die Versuchung, „nach Gefühl“ zu verbinden, real. Genau diese Handlung verursacht einen Isolationsfehler oder einen Rückfluss von Strom auf die Erde. Sich die Zeit zu nehmen, jeden Leiter zu testen, zu kennzeichnen und zu dokumentieren: Bei einer alten Installation ersetzen diese Schritte die Farbe, die die Norm noch nicht festgelegt hatte.